Erstens Hoch 2

What´s App als Beziehungskiller

Wenn der Messenger die Liebe ruiniert

Was muss man eigentlich tun um seine Beziehung so richtig von innen heraus zu vergiften? Bisher galt der Grundsatz John Gottmans, dass eine Liebe unter den so genannten vier apokalyptischen Reitern so richtig in die Knie geht. Diese benennt er mit Kritik und Angriff, Verteidigung und Rechtfertigung, Verachtung und Rückzug. Wenn diese Reiter erst einmal durch die Beziehung galoppiert sind, ist oft eine Menge Aufräumarbeit notwendig.

Ich würde noch einen weitere apokalyptischen Reiter hinzufügen, der zu Zeiten von Gottmans Statements noch nicht verbreitet war:

„What´s App“! Immer, wenn Paare sich gegen die Bedrohung ihrer Beziehung verteidigen, immer, wenn Außenbeziehungen die Harmonie trüben und immer, wenn Kommunikation eskaliert, ist What´s App neuerdings ein Teil davon. Diese neue Kommunikationsform bringt weitere destruktive Reiter mit ins Spiel:

 

1.)   Konfliktunendlichkeit

2.)   Kontrolle

3.)   Triaden

 

1.)   Der Messenger What´s App ermöglicht den Zugriff auf den Partner, wo immer er unterwegs ist. Ob im Meeting, im Zug oder in einem Moment der Ruhe: Die Beziehungsprobleme verfolgen die Betroffenen überall hin. Konflikte können zu jeder Zeit in jedem Kontext ausufern und Grenzen zu setzen wird nahezu unmöglich. Man kann nicht mehr vernünftig arbeiten, weil man mit Nachrichten des Partners bombardiert wird, zu deren Beantwortung man sich verpflichtet fühlt. Aber die Gespräche am Abend oder Wochenende werden dadurch erschwert, dass man die ganze Woche über nicht zum Arbeiten gekommen ist und gedanklich rotiert.

Verbaler Schlagabtausch entgleist oft ins Endlose, weil die versöhnlichen Gesten von Berührung, Mimik und Vertrautheit fehlen. Die nackten, gelesenen Worte wirken deutlicher als diejenigen, zu denen man eine Stimme hört. Konversation wird immens schnell, die Nachrichten überschneiden sich häufig, nicht einmal per Textnachricht lässt man sich ausreden, sodass die inhaltlichen Bezüge verloren gehen, was die Beteiligten verzweifeln lässt. Spracherkennungsprogramme ermöglichen blitzschnelle Antworten ohne langes Nachdenken. Das Sprachprogramm schreibt auch die unflätigsten Beleidigungen und die ungerechtesten Attacken in Sekundenschnelle. Verbale Angriffe können aber auch ausgefeilt und gemein vorbereitet werden, damit jedes Wort sitzt. Wer schreibt, der bleibt. Geschriebenes ist unauslöschlich und so drucken sich manche Paare ihre What´s App- Konversationsverläufe aus und halten sie dem anderen als Beweismaterial unter die Nase, so scheint die Schuldfrage klärbar zu werden.

2.)   In der What´s App Statusleiste ist immer erkennbar, wer wann online war. So kann man dem anderen vorwerfen, nicht zu antworten, zu langsam zu antworten, nicht online zu gehen. What´s App ist ein perfektes Kontrollinstrument. Nicht nur die Nachrichten können von z.B. eifersüchtigen Partnern gescheckt werden, sondern auch die Bildergalerien, Videos, Songs usw. Das ermöglicht unendliche Möglichkeiten für Kopfkino und Katastrophenszenarien. In Gruppen geht es noch weiter, da können sich ganze Konstellationen das Leben schwer machen, indem der eine dem anderen mitteilt, wer wann online war oder nicht.

3.)   Hat ein eifersüchtiger Partner das Objekt seiner Eifersucht, den Nebenbuhler oder die Konkurrenz in der eigenen Kontaktliste, wird die Kontrolle perfekt. Ein Abgleich der Online-Zeiten reicht um Verdacht zu schüren und den verdächtigen Partner in Erklärungsnot zu bringen. Manche Triaden kommunizieren sogar verschlüsselt miteinander. Die Freundin postet Statusmeldungen, die für die Ehefrau bestimmt sind und dieser signalisieren sollen, dass der Mann gerade bei ihr ist. Man kann sich blockieren und hinzufügen, Kontakte „aufmachen“ und „zumachen“. Man kann sich über Profilfotos mitteilen, wo man gerade ist und was man tut. So funkt die Ehefrau Kinderbilder und schreibt dazu: „Unser Liebes-Paradies“ um der Nebenbuhlerin ihre Grenzen aufzuzeigen, diese kontert mit einem Bikinifoto und dem Status „I´m a sexy bitch“.

Manche Menschen bilden Gruppen mit den eigenen Kindern und laden den Vater dazu nicht ein. Dieser wird vom Informationsfluss zugeschlossen und zur Nebenfigur im täglichen Austausch degradiert. Das grenzt dann schon an Cyber-Mobbing innerhalb der Familie.

 

Kein Scherz, so etwas passiert und sich dem Sog des Mediums zu entziehen ist sehr schwer, das wissen alle, die es erlebt haben. Eine Elektronikdiät kann da helfen. Erstens können die Partner vereinbaren, sich nur noch positive Nachrichten zu schreiben und strittige Punkte niemals übers Handy zu thematisieren. Im eigenen Interesse ist es heilsam, Kontaktdaten von vermeintlichen Nebenbuhlern einfach zu löschen. Durch Kontrolle erreicht man sowieso nur das Gegenteil von dem, was man möchte, nämlich Vertrauen. Im Extremfall müssen Messenger und SMS zumindest zeitweise runter vom Handy. Man kann Sprechzeiten und Diskussionszeiten vereinbaren, zu denen man über Partnerschaftsthemen sprechen will. „Montag zwischen acht und neun, danach ist Schluss“. So unterbricht man den Teufelskreis von „Nicht mehr arbeiten können, weil dauernd das Handy brummt“ und „Nicht mehr konzentriert zuhören können, weil man dauernd daran denkt, dass man seine Arbeit nicht geschafft hat.“

 

Es gibt ein Leben ohne What´s App und es ist besser. Sicher. 

Stephanie Katerle | 02. Oktober 2014
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