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Paarkommunikation: Dinosaurier in Katmandu

Paarkommuniaktion – Dinosaurier in Katmandu

Paarkommunikation sei ein Buch mit sieben Siegeln, heißt es. So kompliziert, so unfassbar, so geheimnisvoll. Doch in Wirklichkeit ist das Prinzip ganz einfach.

Es geht ums „Einbeziehen“ ums „Mitspielen“, ums „Lassen“ und ums „Sagen“. Wer seine Verständigung verbessern will, sollten den Mut haben, dem anderen Spielangebote zu machen und von seinen Lieblingsspielen zu berichten.

Wie das geht?

Max:

Stellen Sie sich zwei Kinder vor. Auf der einen Seite ist da meinetwegen Max, der gerne auf Bäume klettert, sich in Höhlen versteckt, Schnecken jagt und mit dem Hund Schlitten fährt. Er spielt gerne mit Lego und sammelt Hölzchen im Wald. Er malt gerne und manchmal bastelt er aus Wolle kleine Monster. Besonders gerne macht er Bootstouren mit seinem Paddelboot. Auf der anderen Seite des Sees, so hofft er, wohnen Dinosaurier, die er erforschen will. Darüber spricht er aber nicht. Denn er will nicht, dass die anderen Kinder die Dinosaurier vor ihm finden.

Mia:

Auf der anderen Seite ist Mia. Sie rennt für ihr Leben gern drauflos. Sie hat eine elektrische Eisenbahn und liebt es, für ihre Kaninchen ausgefallene Ställe zu bauen. Sie hat ein tolles Fahrrad, mit dem sie am liebsten einmal um die ganze Welt fahren würde. Aber das ist ein Traum, den sie für sich behält. Wahrscheinlich, denkt sie, ist sie dazu noch zu klein. Sie baut Paläste aus Lego und schnitzt manchmal Figuren aus Holzresten. Sie hat ein Tagebuch, das sie mit kleinen Zeichnungen voll malt und sie baut gerne Buden unterm Esstisch. Wenn Mia keine Lust hat, rauszugehen, liest sie gerne.

Phase 1: “Wir mögen dasselbe – immer!”

Die beiden lernen sich kennen und werden Freunde. Max bewundert, dass Mia so toll schnitzen kann. Und Mia findet es super, mit Max´ Hund Schlitten zu fahren. Gemeinsam sammeln sie Hölzchen im Wald und bauen Legostädte. Ihnen ist nie langweilig. Fast nie. Sie wissen, was sie mögen und das gelingt ihnen gut. Lego klappt immer, Hölzchen suchen auch. So vergehen Wochen und Monate. Manchmal schnitzt Mia aus den Hölzchen dann etwas für Max. Die Wollmonster findet Mia nur so mittelmäßig spannend, bastelt aber gelegentlich mit. Sie bekommen alles hin, was sie versuchen. Jeden Nachmittag treffen sie sich um mit ihren Sachen zu spielen. Manchmal schielt Max auf die Schnecken im Garten und es tobt in ihm die verbotene Lust, mal wieder eine zu fangen und politisch unkorrekt zu zerteilen, so wie früher. Doch er schweigt darüber. Er will nicht, dass Mia denkt, er sei ein Tierquäler. Mia dagegen vermisst ab und zu ihr Tagebuch. Manchmal würde sie sich gerne zurückziehen, mal ohne Max sein, weil sie ihre Ruhe haben will. Aber sie traut sich nicht. Am Ende denkt Max, sie würde ihn nicht mehr mögen.

Phase 2: “Was du nicht magst, das spiel ich nicht!”

Die beiden sagen sich aber nichts von dem, was sie gerne täten. Lego klappt immer und Hölzchen suchen auch. Manchmal deutet Max an, dass er Budenbauen albern findet. Deswegen fängt Mia damit erst gar nicht an. Sie baut keine Buden mehr. Und Mia hat Höhenangst. Das bringt Max dazu, von da an nicht mehr auf Bäume zu klettern. Von ihren verrückten Träumen über Fahrräder und Dinosaurier erzählen sie sich erst gar nichts. Am Ende denkt der andere noch, man wolle die Freundschaft kündigen und Dinosaurier jagen oder um die Welt radeln.

Phase 3: “Ich mag nicht mehr!”

Jahrelang spielen die beiden weiter, immer lustloser. Mia vergisst darüber ihre Kaninchen, eins stirbt. Sie macht Max Vorwürfe. „Nur wegen dir! Immer muss ich nur mit dir dieses doofe Lego spielen. Ich hasse dich!“

Phase 4: “Dann spiel ich halt mit jemand anderem!”

Max ist völlig konsterniert. „Aber ich dachte, du findest Lego gut!“ Er ist eingeschnappt und rennt raus. Für den Tod des Kaninchens kann er nun wirklich nichts. Blöde Mia. Auf der Straße trifft er Mona. Die beiden unterhalten sich kurz und sie erzählt, dass sie gerne Wollmonster bastelt. Wie schön! Max geht mit und freut sich. Mona und Max spielen einen ganzen Tag lang zusammen. Was Mona sonst noch treibt, findet Max eher doof. Barbies und Polly Pocket sind nicht so sein Ding. Aber mit Mia ist eben im Moment nichts anzufangen und Mona hat Wollreste und Lust auf Basteln. Besser geht´s gerade nicht. 

Nach dem Nachmittag bei Mona spricht Mia kein Wort mehr mit ihm. Sie kommt nicht einmal mehr vorbei. War das alles? Nun sitzen die beiden traurig in ihren Zimmern und haben gar nichts mehr. Nicht einmal mehr Lego.

Sie überlegen, ob sie sich nun neue Freunde suchen müssen. Eigentlich wollten sie das nie. Sie mögen sich doch.

Phase 5: “Was ich sonst noch mag und bin…”

Schließlich fasst sich Mia ein Herz. Sie klemmt ihr Tagebuch unter den Arm und macht sich auf den Weg zu Max. Mit klopfendem Herzen zeigt sie ihm die Bilder darin, die sie selbst gemalt hat. Da ist sie auf dem Fahrrad zu sehen, wie sie gerade nach Katmandu einradelt. Und da, da steht sie mit ihrem Fahrrad am Gran Canyon. Max lacht sie nicht aus. Er betrachtet fasziniert, wovon Mia träumt. Er sieht sie plötzlich in einem ganz anderen Licht. Die beiden beginnen, zusammen zu malen. Viele Bilder entstehen. Auf einem lugt ein Dinosaurier über einem Baumwipfel hervor. Mia fragt nach „Was ist das?“ Max schluckt trocken. Soll er den Mut fassen? Er erzählt ihr von seinem alten Traum, die Dinosaurier zu suchen.

 Phase 6.:”Auf zu neuen Ufern!”

Am nächsten Tag verabreden sie sich am Flussufer und brechen auf. Sie gehen zusammen auf Saurierjagd. Ihnen ist jetzt fast nie mehr langweilig. Wenn sie jetzt etwas Neues, Altes, Peinliches, Unbekanntes oder Gefährliches spielen wollen, dann bringen sie den Mut auf, das zu sagen. Und entweder sagt der andere „Da mach ich mit“ oder er sagt „Das machst du besser allein.“ Und dann ist es auch gut. Zum Wollmonsterbasteln geht Max nun immer zu Mona. Und Mia trifft sich ab und an mit Moritz. Der hat Kaninchen.

Paarkommunikation braucht Mut

So einfach ist das im Prinzip. Menschen in Partnerschaften haben ein eigenes Universum mit Träumen, Wünschen, Bedürfnissen und albernen kleinen Ideen. Sie sollen es behalten und mutig teilen. Paarkommunikation lebt nämlich vom Einbeziehen dieser Dinge. Dazu braucht es den Mut, auch Ablehnung auszuhalten. Vorschläge zu machen und sich zu zeigen. Wünsche zu äußern kann schwierig und anstrengend sein. Sie dem anderen zu erfüllen, ebenso. Sie sich selbst zu erfüllen, noch viel mehr. Und ein „da mache ich nicht mit“ zu ertragen, können sich viele Menschen erst gar nicht vorstellen.

Paarkommunikation braucht den Mut der Beteiligten, dem anderen seine Lieblingsspiele mitzubringen, zu zeigen und klar zu machen, dass man eigene Spiele braucht, die der andere unter Umständen nicht ebenso gerne mitspielt. Partnerschaft braucht den Raum, um Vertrautes zuzulassen ebenso wie die Türen nach außen um Neues zu probieren. Sie braucht gemeinsame Abenteuer ebenso wie Rückzugsphasen. Sie braucht Platz für Austausch und sie sollte prall voll Leben und Gespräch sein.

Paarkommunikation ist das Spielzimmer, in das jeder etwas hineintragen kann. Wer immer nur das aus der Ecke kramt, von dem er weiß, dass der andere fraglos mitspielt, wer sich nicht traut, mit eigenen Ideen um die Ecke zu kommen, riskiert, dass der gemeinsame Raum bald leer ist. Da bleibt nur noch das Lego. Eine Kiste, ein Körbchen und am Ende nur ein Stein.

Stephanie Katerle | 28. August 2015
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