Erstens Hoch 2

Keine Zeit zum Reden?

Liebe, Sex und Leidenschaft: Für uns beide echt kein Thema!  –  Warum man schweigenden Elefanten selbst auf dem Rennrad nicht entfliehen kann.

 

 

“Wir hatten keine Zeit zum Reden, wir mussten vertikutieren.”

 

 „Tja, eigentlich haben wir in den letzten zwei Wochen gar nicht mehr über das Thema gesprochen.“ Das ist der Satz, den ich mit Abstand in meiner Praxis am häufigsten zur Begrüßung höre. Ausgesprochen wird er von Leuten, die so tiefe Beziehungsprobleme haben, dass sie sich selbst nicht mehr in der Lage sehen, diese ohne Hilfe zu lösen. Sie wissen, dass nur das Miteinander-Sprechen helfen würde. Aber sie schaffen es trotzdem immer wieder, einfach nicht darüber zu reden. Wie machen sie das bloß? Wie bekommt man es hin, wochenlang einfach NICHT miteinander zu sprechen, obwohl einem die Probleme unbeirrt ins Auge starren? Diese Frage bewegt mich sehr.

 

Probleme sind wie Elefanten

 

Nehmen wir an, ihr Thema wäre ein Elefant, der ungefragt in Ihr Leben getrottet ist.

Was würden Sie tun, wenn ein dickes Tier mit Rüssel  und einem Schild um den Hals in Ihrem Wohnzimmer säße und sie schweigend anglotzte? Wäre das nicht seltsam? Würde man ihn nicht weghaben wollen? Oder ihn zumindest fragen, was er da will? Das Schild lesen? Würde er nicht irrsinnig viel Platz wegnehmen? Wäre es nicht unglaublich nervig, jeden Tag und für jeden Weg um einen dicken, grauen Elefanten herumzugehen? Was, wenn auf dem Schild stände: „Hallo, ihr beide geht im Augenblick nicht nett miteinander um. Tut was. Da schleicht sich etwas ein!“ Würden Sie Ihren Partner anzischen „Ey, du Blödmann, räum den Elefanten da weg!“ oder „Ich hab den nicht bestellt, kümmer du dich drum!“? Oder würden Sie gar nichts sagen? So tun, als sei er einfach nicht da? Der Elefant jedenfalls sähe keinen Grund, sich aus freien Stücken zu entfernen.

 

Rudeltiere in der Sofaecke

 

Elefanten sind gesellige Tiere: Kaum ist einer da, kommen meist noch drei, vier dazu. In vielen Partnerschaften haben sich ganze Elefantenfamilien ins Leben geschlichen. Die Dickhäuter sitzen da, schweigen und haben ihre Schilder um den Hals. Und beide Partner verhalten sich trotzdem so, als sei da rein gar nichts. Sie legen Tischdeckchen über die Elefantenrücken, hängen abends ihre Mäntel an die Rüssel und tun so, als seien zwölf glotzende Elefanten das Normalste von der Welt. Schweigend schlurft man aneinander vorbei, redet übers Einkaufen, die Stromrechnung, die Nachbarn und Lehrerin Lempel, aber nicht über den fetten Elefanten, der gerade einen Haufen auf den Teppich macht. Wie absurd!

 

„Ich komm nicht mehr an dich ran!“ Dickhäuter im Ehebett

 

Zwischen  manchen Männern und Frauen sitzen abends auf dem Sofa ganze Banden von Elefanten mit Schildern um die dicken Hälse, auf denen Hinweise stehen wie: „Ich glaube, ihr wisst gerade nicht, wie es weitergehen soll.“, „Gott, ist das langweilig hier!“, „Nimm sie mal in den Arm!“ und „Macht den Fernseher aus!“ In den Besucherritzen deutscher Betten schlafen Elefanten, so groß wie Einfamilienhäuser. Sie sorgen wirkungsvoll dafür, dass man sich mit Mühe und Not gerade mal ein Tantenküsschen aufdrückt, während jeder sich auf seine Seite rollt, statt womöglich mal wieder miteinander zu schlafen. Auf ihrem Schild steht vielleicht: “Sie hat Angst, dass sie dir nicht mehr sexy genug ist!“ Aber das liest keiner. Denn die Partner schauen am Elefanten vorbei und finden, dass ihr Ehebett ein ziemlich blöder Platz geworden ist, wahrscheinlich ist das die Schuld des anderen.

 

Wirkungsvolle Beziehungsverhinderer:

Die einzigartige Wirkung von Ausdauersportarten

 

Kein Wunder, dass man zuhause keine Luft mehr bekommt. Da ist ja alles voller Elefanten. In einer solchen Lage sucht man sich verständlicherweise lieber Gründe, seine Zeit woanders zu verbringen. Man hat eine Super-Freundin, die Tag und Nacht anruft und ständig ganz dringend essen gehen will. Andere beginnen ein extrem zeitraubendes Hobby. Hierfür bieten sich Sportarten an, die lange Trainingszeiten haben. Marathon ist toll, weil man neben dem aufwändigen und ermüdenden Trainingsprogramm am Ende auch noch zu den verschiedenen Läufen reisen darf. Berlin, Boston, Island und Rom, kein Weg ist zu weit, keine Anmeldegebühr zu hoch, wenn man dafür große Runden um das Elefantengehege ziehen kann. Überstunden sind auch spitze. Dann kann man sich abends an den schnarchenden Dickhäutern vorbei direkt ins Bett schleichen, ohne sie zu wecken. Toll sind auch Gärten, die neu angelegt werden wollen, auszubauende Dachgeschosse und ein riesengroßer Bekanntenkreis, in dem jede Woche zwei Leute einen runden Geburtstag feiern. Schützenfeste und Kinder mit aufwändigen Trainingszeiten sorgen dafür, dass man unter der Woche mindestens vier bis fünf Stunden für Kinderfahrdienste eingespannt ist. Ein Hund, noch besser ein Pferd macht dann der gemeinsam verbrachten Zeit komplett den Garaus. Hauptsache, nicht zu Hause sein, Hauptsache, nicht dauernd an einen Elefanten stoßen.

 

Let´s talk about Sex– Anpacken! Reden! Tun!

 

Fragen Sie doch den Elefanten auf dem Sofa mal etwas. Trauen Sie sich, am besten zusammen! Vielleicht wäre er wahnsinnig erleichtert, weil er endlich mal weiter ziehen könnte. Vielleicht würde er willig Auskunft geben. Aber dazu müsste man miteinander reden. Und es ist so schwierig, miteinander über die komplizierten Bedingungen und scheinbar unveränderbaren Faktoren in der Beziehung zu reden. Wie soll man Worte finden für die Hilflosigkeit, die man empfindet, weil man anscheinend nicht mal in der Lage ist, eine glückliche Beziehung zu führen? Wie soll man sich zugestehen, dass das Traumpaar, das nach außen glänzt, im Privaten seit Jahren durch Berge von Elefantendung watet? Er scheint so unüberwindbar, der Elefant im Bett. Wie findet man Worte für das, was man braucht, auch erotisch? Wie sagt man dem Partner, dass man sich sexuell auch noch etwas anderes vorstellen kann, als das, was der andere kennt und erwartet? Wie spricht man über Bedürfnisse außerhalb der so genannten Norm? Wie redet man über Körperliches? Wie findet man Namen für das, was anfangs so unausgesprochen einfach lief und plötzlich nicht mehr einfach ist? Kommunikation ist empfindlich und störungsanfällig. Man braucht Vertrauen. Das Vertrauen, zu wissen, dass das eigene Geheimnis beim Anderen gut und sicher aufgehoben ist und das Vertrauen, dass der andere auch eine Wahrheit vertragen kann ohne umzufallen. Vertrauen heißt auch, zu-trauen. Wer in seiner Komfortzone bleibt und immer nur so weit geht, wie es einfach und unkompliziert aussieht, verliert das Vertrauen in sich selbst und den Partner. Und einen Elefanten bekommt man nicht hinauskomplementiert. Er wird nicht gehen, nur weil man ihn als Elefanten erkannt hat. Man muss ihn zusammen hinausschieben. Denn in der Beziehungswohnung sitzt der Kerl nun schon seit Wochen und Monaten und hat sich fett gefressen. Zusammen zu sprechen ist schwierig und anstrengend, zusammen etwas zu tun, zu verändern, noch viel mehr. Kaum hat man den Elefanten aus der Tür, steckt er zum Fenster den Rüssel wieder herein. Man muss als Paar aufwachen, aufmerksam bleiben und miteinander immer wieder nachsehen, wie die Elefantendichte derzeit ist. Das geht eben nur mit Reden und wenn´s nötig wird, mit Tun. Rennen Sie nicht vor den Elefanten weg. Haben Sie Mut und Selbstvertrauen. Und Vertrauen in den anderen. Sie beide haben genug Kraft, die wiederkehrenden Elefanten in den Griff zu bekommen.

 

Finden Sie Wörter für Liebe, Sex und Sorgen. Wenn die Wörter falsch sind, halten Sie das aus. Es sind nur Wörter. Fehler gehören dazu. Das Schlimmste, was Sie sich antun können, ist das Schweigen. Törööö!

 

 

Stephanie Katerle | 04. April 2015
zurück zur Blog-Übersicht