Erstens Hoch 2

Ich hasse deine Zehen! Was der Urlaub aus Paaren macht

Endlich. Endlich Urlaub. Seit Wochen endet jeder Tag mit dem Stoßseufzer „Noch 13“, „noch 8“, „noch 2“ Tage bis zum langersehnten Urlaub nach Mallorca, ins Zillertal oder an die Ostsee.Tage vorher werden die Koffer vorbereitet, die schönsten Kleider herausgelegt, Schuhe geputzt und an alles Mögliche und Unmögliche gedacht. Wenn Kinder dabei sind, muss vom Anti-Kotz-Zäpfchen über das UV-Schutzhemdchen bis zum Gummikrokodil alles bereit liegen, bei älteren Kindern reichen oft T-Shirts uns I-Pod.

Im Urlaub wird man dann mal gar nichts tun, ist man sich sicher, sondern mal so richtig die Seele baumeln lassen, endlich mal wieder Zeit füreinander haben… Man wird tagein, tagaus hübsch und erholt aussehen, sich von der Schokoladenseite zeigen und vor allem Land und Leute kennenlernen, mit einem guten Buch und einem guten Glas Wein auf der Terrasse sitzen und sich verliebt in die Augen sehen. Eben all das tun, wozu man im Alltag nicht kommt.

Am Tag der Abreise stopft man gefühlte Tonnen Gepäck ins Auto und parkt den Wagen auf einem Parkplatz, der in der Nachbargemeinde zu liegen scheint und reiht sich in die Schlange derjenigen ein, die auf die Abfertigung für den Flieger warten. (Bei Autoreise reiht man sich in die Schlange derjenigen ein, die auf die Auflösung der Vollsperrung warten). Menschen, so weit das Auge reicht. Familien, Paare, Paare, Paare überall. Wenn der Blick schweift, wird man sich der anderen gewahr: Sie kommen einem so nah vor, haben sicher die gleichen Gedanken, die gleichen Sorgen, Erwartungen und Hoffnungen und doch sind sie so unangenehm anders. Laut, dumm, prollig, ungepflegt. Man schaudert beim Gedanken, jemand wie eben diese Leute da vorne an der Gepäckabfertigung hätten womöglich vorher im eigenen Hotelbett geschlafen. Im Flieger wird man von inzwischen leicht angewidert dreinblickenden Flugbegleiterinnen bedient, in deren Augen man lesen kann, dass sie keinen Unterschied zwischen den schwitzenden Prolls aus Reihe vier, dem speienden Kleinkind in Reihe eins und uns machen, die wir doch voll-kommen anders sind. Man möchte sie am blaugestreiften Ärmelchen zupfen und sagen „Wir sind nicht, wie die!“: Flugvieh eben. Zwei labberige Toasts später wird man ausgespuckt auf einen abgasverseuchten Parkplatz. „Muh“ und „Mäh“ blökend trottet die nach Urlaubsfreuden dürstende Familie in einen müffelnden Transferbus. Die eigenen Vorstellungen über das, was man erleben wollte, zerbröseln wie die rot-lila-gemusterte Polsterung unter dem Popo. Weitere zwei Stunden später werden alle Schafe von einer eisern lächelnden Rezeptionistin in jugendherbergsähnliche Stallungen geschickt, welche nach Mottenkugeln und Chlorreiniger riechen und die Urlaubsroutine beginnt. So über den Kamm geschoren ist es schwierig, gemeinsam etwas zu entdecken. Alles ist so erbarmungslos vorherbestimmt.

Der Blick wird gelenkt, die gesamten zwei Wochen über. Guck mal hier, hör mal da… „Hier! Aufmerksamkeit! Ich!“ Wedelt alle Nase lang ein anderer Clown vor den müden Augen erschöpfter Touristen mit den Armen, die Fingerchen –natürlich- nach Euros ausgestreckt. Mit viel Pech ist man in einem dauerbeschallten Ferienterrorcamp gelandet, wo früh um acht die Lautsprecher angehen um mit lärmendem Frohsinn dafür zu sorgen, dass die Urlauber die Zimmer für die chronisch überlasteten Reinigungskräfte freimachen. Also raus aus der Bude, rein ins Getümmel. Wo soll man denn da hinschauen? Im Speisesaal fressen die dicksten Leute der Welt das All-you-can-eat- Buffet leer. Der Blick flieht. Er flieht auf den eigenen Tisch, auf die eigenen Kinder, die eigene Partnerin, den eigenen Partner. Um nicht zu Tode amüsiert zu werden, macht man sich ganz klein, konzentriert sich darauf, das Elend nicht zu sehen. Stattdessen fällt dann auf, dass Sohn oder Tochter das dritte Eis schlabbern, dass Holger schon das vierte Bier trinkt und Petra ihren abscheulichen pinkfarbenen Nagellack auf die Zehen aufgetragen hat.

Alles, was es Neues gibt, ist nicht das, was wir erfahren wollten. Die anderen sind so nah, so körperlich präsent, im Geiste so fern und gleichzeitig mit uns in den gleichen Hoffnungen vereint: Wertvolle Zeit zu verbringen, etwas, das mit nach Hause genommen werden kann, das durch die nächsten Wochen trägt, ein Erlebnis eben. Doch was für andere ein Erlebnis sein mag, ist es für uns noch lange nicht. Der Blick wird eng. Erwartungen kämpfen ums Überleben. Statt am Strand spazieren zu gehen, stolpert man über Berge von Sandspielzeug, statt romantisch auf der Terrasse zu sitzen, wird man zu Abenden mit tanzenden Papageien oder launigen Schwänken mit minderbegabten Jungdarstellern genötigt. „Freiheit!“ schreit es in Urlaubern mit Hirn und sie fahren mit dem Auto einige Kilometer hinein oder hinaus, je nach dem. Dort gibt es ruhige Buchten, aber keine Kinderbelustigung. Knutschen am Strand? Keinesfalls! Kaum hat sich der Sicherheitsabstand auf dem Handtuch unter die kritische Marke verringert, kommt aus dem Wasser Alarm. „Qualle“, „Taucherbrille weg!“, „Scherbe getreten!“. Zwischendurch ein durchdringender Schrei „Coooooocobelleo! Pooooomelo!“ und ein Männlein mit dickem Bauch und der Haut eines Räucheraals schnauft vorbei.

Köpfe sinken auf aufgestützte Hände, Blicke gleiten richtungslos in den Himmel. Allen anderen geht es genau so. Die Nerven werden dünner, die Bäuche dicker, man sieht sich kopfschüttelnd dabei zu. Nicht einmal anständig streiten kann man sich. Die Hotelzimmerwände sind so dünn und hohl, dass weder an lautes Atmen, noch an Sex und schon gar nicht an Streiten zu denken ist. In resigniertem Autismus ziehen sich nach sechseinhalb Ferientagen als erstes die Kinder zwischen zwei Ohrstöpsel zurück, aus denen irgendetwas schallt, was zu ihnen gehört und Identität stiftet. Bücher sind manchmal geeignet, in eine andere Welt zu entführen. Oder man betrinkt sich bereits früh am Tag. Dann hat man auch seine Ruhe. Leise dringt dann der Satz „…mal wieder etwas zusammen machen“ durch die alkoholgetränkten Nervenbahnen.

Nichts tut man zusammen. Jeder für sich allein, einsamer denn je, keine Kommunikation, kein Austausch, keine Zärtlichkeit, nur dumpfes Nebeneinander. Die Momente der Ruhe holt sich jeder selbst, allein. Romantik? Nicht vorgesehen, es sei denn, man schließt sich dem an, was andere dafür halten und lässt sich und die Familie in untergehender Sonne auf grüner Wiese für den Clubfotografen alberne Posen einnehmen um zu Hause beweisen zu können, wie wunderbar man es hatte. Einer meiner Klienten brachte es, was die Performance in der Beziehung anging, auf den Punkt: „Show for customer, darin waren wir ganz groß!“ Vom Urlaub bleibt die Tatsache, dass man ihn gemacht hat. Dass man im Fotoalbum dokumentieren kann, wie gern man sich hatte. Dass man in diesem oder jenen Jahr in diesem oder jenen Land besonders hübsch ausgesehen hat und viel zusammen unternommen hat. Das fühlt sich für viele Paare und Familien so hohl an. Der Blick wird nicht frei, das Alleinsein, das Zuzweitsein und das Zusammensein mit allen kommt zu kurz oder findet gar nicht statt.

Die Wut darüber wird auf die anderen in der Gruppe übertragen, der Streit kommt in den Koffer und verdirbt die Stimmung nach dem Urlaub schlimmer als der Blick auf den Kontostand oder die Plastiktüte, in der man zwei Wochen lang alle miefigen Socken gesammelt hat.

Und dann geht´s nach Hause. Im Gepäck Schmutzwäsche, entsetzliche Flamencokostüme, handgehäkelte Handtaschen und Filzpantoffeln aus Tirol sowie einen Koffer voller Frust und unerfüllter Erwartungen. Nichts ist passiert, nichts ist besprochen, nichts hat man wirklich unternommen. Teuer war´s und einsam. Wer ist Schuld? Na klar. Immer die anderen. Irgendwie ist man wohl in der falschen Familie gelandet. Also dann wieder an die Arbeit. Im Büro wird gefragt: „Und? Gut erholt?“ Klar. Gut erholt. Nächstes Jahr wieder.“

Stephanie Katerle | 12. August 2013
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