Erstens Hoch 2

“Ich bin schon dreißig und immer noch nicht schwanger…”

 

„Jetzt aber zackig!“ Warum es Frauen mit dem Mutterwerden heute schwerer haben

Die Eltern der Braut wundern sich. „Früher gab es so was nicht. Junggesellinnenabschied. Riesen-Hochzeitsfeier. Filme über letzte Abende in Freiheit in Las Vegas. Was ist denn da los?“

 

Ernsthaft: Was ist denn da los? Junge Paare haben es heute so viel leichter – und so viel schwerer als die Generation ihrer Eltern.

Positiv: Sie haben bessere Bildungsabschlüsse, mehr Wohlstand, größere Möglichkeiten, sich in verschiedenen Stellen und an verschiedenen Orten zu probieren. Sie dürfen feiern und ihr Jungsein genießen, sich gründlich und nachhaltig ausbilden lassen.

Negativ: Genau das. Denn spätestens mit 28 scheint diese Phase für immer vorbei. Familiengründung kommt als Thema auf. Meistens bemerken die Frauen zuerst, dass es langsam einmal Zeit würde. (Die Männer würden in aller Regel gerne noch ein bisschen warten.) Die Frauen drängen sanft zur Heirat und zur Sesshaftigkeit. Mit einigermaßen viel Bremskraft wird der Party-Zug (und bei den Frauen auch der vielleicht ins Rollen gekommene Karriere-Zug) zum Halten gebracht. Der Junggesellenabschied MUSS so gewaltig werden. Man gibt doch so viel auf. Frauen setzen dabei mehr aufs Spiel als Männer. Sie planen eine Kinderphase in ihre Biografie ein, die sie, weil wir in Deutschland leben und nicht z.B. in Frankreich oder Schweden, meist für Jahre aus dem Berufsleben katapultieren (und nur sehr eingeschränkt wieder aufnehmen) wird. Und was, wenn die Pause schon geplant ist und das Kind einfach nicht erscheinen will? Viele Frauen fühlen sich dann wie auf verlorenem Posten. In der Karriere Gas geben wollen sie nicht „ich will ja eine Familie gründen“ und pausieren wollen sie auch nicht „wofür habe ich die Ausbildung gemacht, wenn ich nun hier nur herumsitze?“ Ein Dilemma.

 

Dreißig ist das magische Alter. Bis dahin möchten die meisten Frauen das erste Kind haben oder zumindest den Vater in spe kennen. Meist dauert es dann doch noch zwei weitere Jahre, bis das erste Kind kommt. Wenn es kommt. Wenn es nicht kommt, wird es sehr schnell dramatisch. Die Chancen, schwanger zu werden, sinken unbarmherzig ab 25 Jahren und sind mit Mitte dreißig nur noch halb so hoch.

„Was für ein Scheiß!“

klagt Mia, 29. „Da nehme ich seit 13 Jahren die Pille, damit ja nichts passiert. Weil das ja die allergrößte Katastrophe wäre. Viel zu früh und so. Und niemand sagt mir, dass es mit dem Absetzen der Pille eben mal nicht getan ist. Dass man dann eben nicht auf der Stelle schwanger wird. Dass es dann vielleicht schon zu spät ist. Von wegen: Pille absetzen und schupps-schwanger. Ich fühl mich verarscht. Ich wäre gerne früher schwanger geworden. Aber dann hätte ich mein Studium abschreiben können. Wohin denn mit den Kindern?“

Paare werden nach einer gewissen Wartezeit nervös, leiden in Untersuchungen, nehmen schlimme Eingriffe und quälende Therapien auf sich, um doch noch schwanger zu werden, wenn es nach einem Jahr nicht spontan geklappt hat. Und schon während dieser Zeit schleichen sich die Fragen an: „Warum haben wir es nicht früher versucht?“ „Was ist falsch mit uns?“ „Was, wenn es nichts wird?“ Manche stellen ihre Partnerschaft als solche in Frage und überlegen ernsthaft, ob sie ohne Kind leben wollen oder ob sie nicht den Partner zugunsten des Kinderwunsches wechseln sollten. Vielleicht klappt es mit einem anderen? Aber werde ich den anderen so lieben, wie diesen Mann, diese Frau hier?

Abgesehen davon ist eine Kinderwunschbehandlung Gift für die meisten Partnerschaften. Sex nach Plan, dauernde Untersuchungen, Spermaproben in der Patiententoilette produzieren – das hatten sich die meisten Paare doch deutlich anders vorgestellt. Es ist vielfach nötig, eine Sprache für sexuelle Dinge zu finden, Körperteile zu benennen, ihre Funktion zu verstehen. Es ist auch nötig, die Reproduktion von der Sexualität wieder unterscheiden zu lernen, so wie es vor dem Kinderwunsch war.

Kurz: Unerfüllter Kinderwunsch zerrt an den Nerven.

Er belastet die meisten Paare so sehr, dass sie auch dann erschöpft aus der Mühle der Reproduktionsmedizin herauskrabbeln, wenn sie erfolgreich waren. Mit dem Kind im Arm müssen sie sich und ihre Liebe wiederfinden – nicht ganz einfach mit einem schreienden Säugling im Kinderzimmer. Andere kapitulieren, weil es über Jahre nicht klappen will. Sie entscheiden sich, getrennte Wege zu gehen oder freunden sich mit einem Plan B an.

Die meisten Paare investieren ihre Kraft bis weit jenseits aller Schmerzgrenzen in den Kinderwunsch. Dabei sollten sie ein Quentchen für ihre Liebe übrig lassen. Egal, ob sie zusammen ein Kind bekommen oder nicht: Der Partner bleibt. Die Liebe zwischen den Erwachsenen ist das Fundament dieser Wunschfamilie, nicht das Kind. Insofern lohnen sich Investitionen in die Beziehung: Reden (auch mal über etwas anderes als Schwangerschaft), gemeinsame Unternehmungen (wer weiß, wie lange sie noch möglich sind) und Pflege der körperlichen Nähe (es muss nicht immer rauchen und zischen. Man kann als Paar eine Menge schöner Sachen miteinander anstellen, die nichts mit Koitus zu tun haben). Umdenken lohnt sich. Für die Phase des Kinderwunsches sowieso, aber auch für die Zeit danach – egal, wie sie aussieht.

Katerle_Wir_ohne_dich

Psychologie heute Stephanie Katerle

 

 

 

 

 

 

Stephanie Katerle | 06. Februar 2017
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