Erstens Hoch 2

„I kill her“ – wie wir mit Untreue umgehen

Popkultur und Seitensprung

Bücher, Filme und Musik gehören zum Leben. Wir brauchen Geschichten: gesungen, beschrieben, bebildert. Ob als Hörbuch, als Netflix-Serie oder als Lieblingssong. Was wir dort aufnehmen, prägt unser Bild von der Liebe – und von der Untreue. Was zu tun ist, wenn der Ernstfall eintritt, machen uns Popsongs in bunten Farben vor. Wir können gar nicht anders, als im Notfall auf das zurückzugreifen, was wir schon tausendmal gehört haben.


Kitsch und Kognition: Wie das Gehirn mit Bildern umgeht

„Blending“ ist das Zauberwort, das erklärt, wie Metaphern und Motive aus Filmen, Büchern und eben Musik, im Menschen wirken. Bestimmte Bilder klinken sich per emotionaler Verlinkung in unser System ein. Sie produzieren emotionale Reaktionen. In letzter Konsequenz machen wir uns mithilfe von z.B. Musik unsere Realität selbst. Das prägt natürlich die Art, wie wir über das Leben und die Liebe denken – und wie wir reagieren.


Ohrwürmer und andere Emotionsüberträger

Während man Bücher und Filme bewusst auswählt und konsumiert, ist man Popsongs und Schlagern im Sinne der Blending-Theorie buchstäblich hilflos ausgeliefert. Selbst, wenn man im Radio nur die Nachrichten interessant findet, werden dazwischen tausende  Botschaften in den eigenen Kopf gespült. Ja, es sind nur Popsongs. Aber durch die  Harmonien, durch den emotionalen Glitsch der Texte und die Allgegenwart von Love-Songs haben wir keine Möglichkeit, uns zu distanzieren. Wir MÜSSEN zuhören. Und was hören wir da übers Fremdgehen?


“Strong enough”

Wenn es um Untreue geht, haben Frauen eindeutig die Nase vorn. Ober-Anklägerin ist seit Jahrzehnten die Ikone der Frauen und anderer Liebhaber der Weiblichkeit: Cher.

„Strong enough“ (1998): Mit Wum-Tataaa und fetten Streichern, tanzbar und mitgrölbar prangert Cher den untreuen Mann an. Einmal ist er fremdgegangen, der Saukerl und sofort fliegt er raus. Sie stellt ihm die Koffer vor die Tür und darf sich in die tröstenden Arme der Freundinnen flüchten, die ihr bestätigen werden, was für ein Mistschwein der treulose Typ doch ist. Die Worte sind kraftvoll und voller Lebensenergie. Aufbruchstimmung kennzeichnet die Botschaft. „I´m strong enough to live without you!“ Aha. Und was ist mit denen, die dem Mann verzeihen, ihn vielleicht sogar verstehen, die bei ihm bleiben? Sind die dann “not strong enough“? Sind die dann „weak“? Wer im Falle der Untreue tüchtig draufhaut, kann sich des Kassenerfolgs eigentlich schon sicher sein. „Revolverheld“ schmettern 2010: „Pack deine Sachen ein und raus, du bist hier jetzt nicht mehr zuhaus ́ – und scheiß auf Freunde bleiben“. Männersongs sind häufig deutlich drastischer in der Formulierung als die von betrogenen Frauen. Sie wollen gern zuschlagen. Sogar der wenig machohafte Herbert Grönemeyer gesteht in „was soll das?“, dass „seine Faust unbedingt in sein Gesicht“ wolle. Doch damit ist die Gewaltspirale nicht zu Ende.


“Schlampe! Drecksau!”

Sogar Mord und Totschlag gehören untrennbar zum Fremdgehen dazu. Soko wispert in ihrem Song aus dem Jahr 2007 „I kill her“. Mit brüchiger Stimme haucht sie von enttäuschten Erwartungen und unerfüllten Hoffnungen. Da ihr Typ sich weigert, den Traum von der heilen Familie mit ihr zu teilen, muss sie die Nebenbuhlerin eben töten.„I kill her!“ Nicht gerade zimperlich geht es auch in einem Song zu, der auf kuriose Weise Kultstatus erreicht hat. Joachim Deutschlands „Marie“ (2000) ist einer der am häufigsten genannten Untreue-Songs, wenn in Internet-Foren danach gefragt wird, welches Lied zum Seitensprung passt. Der Song ist nicht besonders gut. Weder musikalisch noch lyrisch hat er nennenswerte Qualitäten. In seiner eher schlichten Botschaft geht’s ums Rächen und Strafen. Es geht um Hass. „Ich gab dir meine Liebe, ich gab dir all mein Geld“ singt Joachim Deutschland. Von Geld war bislang in noch keinem Frauensong die Rede. Sieht man sich andere Songs, z.B. von Selig an, taucht dieses Motiv aber immer wieder auf. „Ich gab dir die Schlüssel zu meiner Riesenwelt“.

Jawohl. Den Frauen in den Songs geht´s ums Herz, den Männern ums Geld. Klischee? Die Chance auf Vergebung wird aus Männersicht nicht ausgesprochen. „Und so kommst du angekrochen, doch ich kenne dich nicht mehr.“ Auch mit roher verbaler Gewalt wird nicht gespart. „Ganz egal, wo du dich rumtreibst, ich hoffe, es geht dir schlecht! Schlampe! Drecksau!“ Ausrasten erwünscht: Ob man dem Partner nun das Auto zerkratzt, die Nebenbuhlerin verprügelt, die Katze vergiftet oder ihn oder sie unflätig beleidigt: Im Fall der Eifersucht scheint alles erlaubt. Auch das gehört zur Story der Liebe, wie sie erzählt wird.


“Ich bin ja nur ein Mann!”

Es gibt auch eine gewisse Anzahl von Songs aus der Sicht des Betrügers: Im Song „Run to you“ hagelt es Stereotype, wie sie untreuen Männern gern untergeschoben werden. Die Geliebte hat´s im Bett voll drauf, während die langweilige Ehefrau durch ein gutes Herz punktet. Ganz anders geht die Stimme in Rihannas Song „Unfaithful“(2006) mit der Untreue um. Einfühlsam und reumütig beschreibt sie, was in ihr vorgeht, während sie ihren Partner, der von ihrer Untreue weiß, belügt und betrügt. Der Sensenmann schwenkt auch hier schon die knochige Hand zum Gruß. Der Tod und die Untreue- sie kennen sich. „Every time I walk out the door I see him die a little more each time.“ Untreue wird geradezu als Mordwaffe übersetzt. „I might as well take a gun and put it to his head.“ Untreue tötet. Ist es verwunderlich, dass sie in unserer Gesellschaft die Formel „bis dass der Tod euch scheidet“ inhaltlich abgelöst hat? Womit sollte man Menschen in der heutigen Zeit noch drohen, um sie zur Treue zu zwingen?

In die Kategorie „Hemmungslose Angeber und unbelehrbare Machos“ fällt Shaggys „Wasn ́t me“ (2000). In den buntesten Farben lobpreist der omnipotente Fremdgänger seine eigenen Qualitäten als Liebhaber. Was für ein Kerl! Im ganzen Haus treibt er es mit seinen namen- wie zahllosen Geliebten und leugnet vor der Partnerin alles so dreist wie absurd. Die Zweitfrau ist dabei Nebensache „saw me bangin’ on the sofa (It wasn’t me)/ I even had her in the shower (It wasn’t me)“. Fremdgehen wird hier als Spiel, als Männersport beschrieben. Man darf sich eben nicht erwischen lassen, dann steht der brünftigen männlichen Libido nichts mehr im Wege. Zwischen Angeberei und tiefster Verzweiflung werden in Popsongs also alle Emotionen angeboten, die bei einem Seitensprung im Spiel sein können. Wer mit wachen Ohren zuhört, nimmt das auf, was dem eigenen System entspricht und untermauert seine Weltsicht. Ob der Seitensprung vergnügliches Abenteuer oder Verzweiflungstat ist – Musik hat für alles den passenden Soundtrack und beeinflusst die Bewertung.

Und die Geliebten? Auch sie haben eine Stimme. Kehrt der geliebte Mensch zum ursprünglichen Partner zurück, haben die Geliebten leider verloren. „You go back to her and I go back to black“ (Amy Winehouse, 2006). Kann es Zufall sein, dass die Geliebten in den Popsongs sich zu den Verlierern des Spiels stilisieren?


Was ist also die Konsequenz? Zusammenfassung:

In Popsongs gibt es verteilte Rollen: Geliebte*r, Betrogene*r, Betrügende*r.

Der oder die Geliebte erträgt und wartet. In dieser Rolle wird gelitten und geduldet, geteilt und akzeptiert. Ob das wirklich immer und dauerhaft so ist, möchte man bezweifeln.

Der oder die Betrügerin neigt in Popsongs aller Genres überwiegend zur Rechtfertigung. „Ein Mann kann nicht treu sein“, „Die Leidenschaft war schuld“ oder „Ich konnte nicht anders, weil du mir keine Wärme mehr schenkst.“ Diese Entschuldigungsfloskeln nehmen ihm oder ihr die Verantwortung für das eigene Verhalten.

Dem oder der Betrogenen hingegen kommt das zweifelhafte Privileg zu, richten und rächen zu dürfen. Er oder sie ist qua Seitensprung des anderen automatisch im Recht und beansprucht für sich das Ausleben aller furioser Emotionen von Selbstmitleid über Hass, Rache und Gewalt. Gleichgültig, wie die Beziehung vorher war oder wie man miteinander umgegangen ist: Sobald der Untreuefall eingetreten ist, gibt es keine Schuldfrage mehr. Der Betrüger war´s: IMMER.

Wer sich klar macht, dass diese „Strickmuster“ für das emotionale Miteinander zwischen Männern und Frauen nonstop medial verbreitet und meist unbewusst aufgenommen werden, dem wird klar, dass Betroffene im Falle des Seitensprungs meist nur wenig eigene Ideen aufbringen, wie damit umzugehen wäre. Durchdrehen, Ausrasten, Zusammenbrechen und den Partner Hinauswerfen -das  muss schon sein, wenn er oder sie nicht als hilfloser Schwächling dastehen will. Auf der anderen Seite mag sich ein Fremdgänger (oder eine Fremdgängerin) den Freibrief für den außerehelichen Sex aus dem herleiten, was tagein, tagaus im Radio läuft. „Ich muss das tun, denn ich bin ein Mann“ oder „Ich konnte nicht anders, ich fühle mich vernachlässigt.“ Wen wundert es, dass die Bandbreite der Möglichkeiten, mit der Untreue des Partners umzugehen, so klein zu sein scheint?

Wer die Augen und Ohren aufmacht, bemerkt, welche Flöhe uns die Popkultur ins Ohr setzt. Nicht mehr – nicht weniger. Vielleicht hilft das schon.

Stephanie Katerle | 25. Februar 2018
zurück zur Blog-Übersicht