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Eifersucht – gibt es gar nicht

Versuch einer Entmystifizierung: Eifersucht ist wie Currypulver

„Wo keine Eifersucht, da keine Liebe“. Eifersucht gehört als kulturell etabliertes Gefühl einfach dazu.

 

Oder nicht? So, wie wir als Kinder lernen, dass es das Christkind gibt und man das „schöne Händchen“ zur Begrüßung reicht, so lernen wir, dass Liebe ohne Eifersucht einfach nichts wert ist. Unhinterfragt gehört sie zum Kanon der Liebesbegleitgefühle. Evolutionsbiologen behaupten, sie sei natürlich, normal, unabdingbar und elementar zur Liebe gehörend. So erscheinen in regelmäßigen Abständen Veröffentlichungen, die belegen sollen, wie natürlich und normal es ist, seinen Partner eifersüchtig zu bewachen und bei seinem auch nur kurzzeitigen Weggehen schlimme Schmerzen zu erleiden. Ob nun Brutkontrolle als Eifersuchtsrechtfertigung herhalten muss „Man muss doch aufpassen, dass die eigenen Kinder wirklich von einem selbst sind“ oder Versorgungsgewährleistung „Ich muss doch aufpassen, dass er sich um seine Kinder auch kümmert“, immer passt es biologistisch irgendwie ins Konzept. Wenn man dagegen argumentiert, dass es Eifersucht auch bei gleichgeschlechtlichen Paaren oder Paaren jenseits der fruchtbaren Phase gibt und mithin der Versorgungsgrund dann als Erklärung wegfällt, wird eben behelfsmäßig beispielsweise ein „Eifersuchts-Gen“ konstruiert, das quasi als Feind im System die Fähigkeit zur Treue sowie die Überwindung der Eifersucht ausschließt. „Männer sind so – Frauen auch“. Sie wollen fremdgehen und als Konsequenz folgt geradezu automatisch die Eifersucht. Sexuelles oder emotionales Interesse an anderen Menschen außer dem Partner produziert offenbar immer und zuverlässig Eifersucht.

So glauben wir, dass es normal sei zu heulen, wenn der Partner sich für einen Abend mit einer Kollegin trifft, wir drehen halb durch, wenn er oder sie anderen hinterherschaut. Eifersucht führt zu den abstrustesten Verhaltensweisen. Wäsche wird durchsucht, der Partner wird verfolgt, manchmal sogar inkognito und maskiert, Handys und Autohandschuhfächer gefilzt. Über Smartphones werden virtuelle Schlachten geschlagen, die alle Beteiligten verlieren müssen. Nein, es ist kein Spaß, eifersüchtig zu sein. Dennoch streite ich ab, dass Eifersucht unabdingbar und unhinterfragbar sein muss. Sie wächst nicht auf Bäumen – wir machen sie uns selbst.

Eifersucht ist wie Curry.

Wir verwenden Curry selbstverständlich und täglich und viele glauben, es sei eine Pflanze, wie Thymian oder Pfeffer. Es wächst aber in dieser Form nicht am Baum, sondern stellt in der typisch gelblichen Puderform ein Gemisch aus verschiedensten Komponenten dar. So ähnlich ist es mit der Eifersucht auch. Wir haben aus der Mischung verschiedener Emotionen und Phänomene ein neues Gefühl kreiert, das aus der Küche unserer Zivilisationskultur nicht mehr wegzudenken ist: die Eifersucht.

Was ist nun drin im Topf?

Um eine richtig schön würzig-schmerzhafte Eifersucht zu entwickeln, muss man zunächst einmal eine gehörige Portion Neid entwickeln. Neid auf die andere Person, die den Partner haben darf, während man selbst ihn entbehren muss. Manche sind auch neidisch auf den Partner, der sich mit eben dieser Person umgeben darf, die man vielleicht selbst interessant oder attraktiv findet. Neid auf den oder die andere, weil man vielleicht selbst gern ein wenig so wäre wie er oder sie. Neid auf eine gute, lustige, entspannte Zeit, die man sich selbst oder dem Partner schon länger nicht mehr ermöglichen konnte. Neid gibt dem Gemisch die typisch gelbliche Farbe. Doch Neid erscheint noch vergleichsweise mild.

Bissiger wirkt da schon eher die Angst vor dem Vergleich. Die berühmte Frage “Was hat er/sie, das ich nicht habe?” ist dafür das Sinnbild. Das Vertrauen, gemocht zu werden, wie man ist, wird in Eifersuchtsphasen brüchig. Das mühsam aufgebaute Selbstwertgefühl stürzt zusammen wie ein Kartenhaus und verhindert, mit klarem, wachem Geist über die Situation nachdenken, unvoreingenommen fühlen und besonnen handeln zu können. Das Ego fühlt sich in Frage gestellt, es zieht sich verletzt zurück und kann nicht erkennen, dass man, unabhängig vom Urteil des Partners, liebenswert und großartig ist. Im Vergleich zu dem oder der anderen scheint man immer nur halb so gut, halb so hübsch, halb so sexy zu sein. Das brennt im Herzen, es rast und klopft. Wer seinen Selbstwert dahinfließen sieht, hat kaum noch brauchbare Strategien verfügbar und wird oftmals vom Rest der Mixtur kalt erwischt. 

Es ist die Projektion, die der Eifersucht weitere Würze verleiht. Hand aufs Herz: Könnte es sein, dass man selbst schon einmal darüber nachgedacht hat, wie es mit einem oder einer anderen wäre? Meistens sind es diejenigen, die am eifersüchtigsten wachen, die ganz tief drinnen in den geheimen Kammern ihrer Herzen manchmal fantasieren, wie sich Sexualität oder Lebensqualität mit anderen anfühlen würde. Sie dementieren gerade heftig? Dann sollte das ein Anlass sein, sich erst recht einmal ehrlich zu befragen. Die Todesverachtung für diesen unzulässigen verräterischen Impuls wird nämlich gern dem Partner zugeschoben, damit man sich selbst nicht vor dem eigenen Gewissen verantworten muss. Unangenehm. Dieses Gewürz beißt auf der Zunge.

Kommen wir zu einem der Hauptträger des Eifersuchtsaromas. „Du bist mein, ich bin dein“ – Besitzdenken gehört zu unserem Liebesverständnis dazu wie Minnesang oder der Heiratsantrag. Wir haben vielleicht lange für diesen Partner gekämpft, eine Menge investiert – nun will uns jemand unseren Besitz streitig machen. Wie gemein. Und so wird dem Konkurrentin oder der Mitbewerberin der Zugang zur wertvollen Ware verwehrt. Hausarrest, Kontrolle und Verbote zeugen von den Versuchen, seinen Besitz in einen Tresor einzuschließen. Inzwischen kann man sich mit diesem Gewürz schon ganz ordentlich das Leben verderben. Doch da geht noch mehr.

Schuldgefühle schmecken scheußlich. Reife, erwachsene Menschen sollten doch mit Eifersuchtsgefühlen umgehen können, oder? Wir leben im 21. Jahrhundert. Eifersucht ist unsexy. Nie sind wir hässlicher und erbärmlicher als in Momenten grässlicher Eifersucht. Und das kann dazu führen, dass sich der oder die Eifersüchtige der eigenen unbestimmten Gefühle schämt. So wollten wir nie sein. Wir wollten strahlen und bereichern, nicht belasten und plagen. Diese Scham wiederum verstärkt den Cocktail aus Emotionen noch, den wir Eifersucht nennen, er wird ungenießbar und bitter.

Eine der wichtigsten Zutaten für das, was wir umfassend „Eifersucht“ nennen, ist aber die Angst vor Verlust. Sie ist das stärkste und gefährlichste Gefühl in dieser Mixtur, weil diese Angst tiefer einzudringen vermag als alle anderen zusammen. Einmal auf der Zunge gespürt, ätzt sich dieses Gefühl bis zum Kern unseres Seins durch.

In unserem Partner haben wir jemanden gefunden, der uns Sicherheit verspricht, der uns genau die Geborgenheit gibt, nach der wir uns so lange gesehnt haben. Ein Mensch, der uns liebt, bestätigt immer wieder, dass wir eine gute Idee sind, dass unsere Existenz auf der Welt einen Sinn hat. Dieser Partner bestärkt uns und wertet uns durch seine Liebe auf. Was wären wir nur ohne diese Liebe? Verloren, losgelöst, entankert. Nichts. Und dieses Nichts vermag uns in solche tiefe, unkontrollierbarer Angst zu stürzen, dass wir panisch werden und wild mit den Armen rudern um nicht in diesem Abgrund zu versinken. Bodenlosigkeit tut sich in vielen Menschen auf, die fürchten, den Partner oder die Partnerin als Orientierungsinstanz ihres Lebens zu verlieren.

Wer soll sie versorgen, wer soll sich kümmern, wer soll Zuversicht und Akzeptanz spenden, wer die Unsicherheit wegnehmen? Diese Angst ist die des Kindes. Ein Baby, das im dunklen Zimmer auf die Mama wartet, schreit Himmel und Hölle zusammen, weil das seine Art ist dafür zu sorgen, dass es überleben kann. Es weiß ja nicht, dass Mama und Papa es lieben und es niemals vergessen würden. Es fürchtet schlicht und einfach, sterben zu müssen, wenn niemand kommt um die lebenserhaltenden Bedürfnisse zu stillen. Wen die Eifersucht an dieser Stelle packt, der konfrontiert sich und sein Selbst mit der blanken Existenzangst. Aber diese Angst hat nichts mit der An- oder Abwesenheit des Partners zu tun, sondern sie ist eine eigene Angst, die der oder die Eifersüchtige nicht aus eigener Kraft beruhigen kann. Hier ist Eifersucht kein hinzunehmendes Kulturgefühl mehr, sie ist existenzbedrohlich. Gefährlich. Hier geht es manchmal um Leben und Tod. Menschen in Panik, das kann man immer wieder in Nachrichten verfolgen, entscheiden manchmal selbst darüber, wer leben und wer sterben darf. Sie werden gewalttätig oder unkontrolliert emotional. Und vor dem Hintergrund dessen, was sie in Momenten schlimmer Angst erleben, ist das fast nachvollziehbar.

In Momenten der Existenzangst werden eifersüchtige Menschen in ihre früheste Kindheit zurückgeworfen. Wenn der Partner sich in diesem Moment für jemand anderen entscheidet, wenn Mama und Papa nicht da sind, wer rettet uns dann? Ohne Übertreibung kann man sagen, dass hier am Grunde des Abgrundes Tod, Teufel und der liebe Gott auf diejenigen warten, die sich gegen den Strudel abwärts nicht wehren konnten. Wer dort unten Trost in einer gewissen Spiritualität findet, wer einen Glauben hat, wer fühlt, dass er oder sie nicht allein ist im Angesicht des Nichts, der spürt, dass die Angst vor Verlust nicht das Ende bedeuten muss, dass es da aus dem Abgrund einen Weg nach oben gibt. Wer hier die Fähigkeit zur Selbstberuhigung beherrscht, der wird niemandem schaden oder den Partner gewaltsam bei sich halten. Der weiß nämlich, dass nicht der Partner oder die Partnerin zuständig für Sicherheit und Aufgehobensein sind, sondern man selbst.

Wege aus dem Schmerz

Eifersucht ist also gleichzeitig mehr und weniger als das, was wir kulturell unter ihrer Definition subsumieren. Sie ist manchmal nur ein kleines, mieses Neidgefühl, manchmal aber eine lebensbedrohliche Welle von Existenzangst. Niemals aber würde die eigene Eifersucht den Partner oder die Partnerin davon abhalten, zu gehen und das Glück woanders zu suchen. Unsere Eifersucht gehört uns. Es ist überaus hilfreich, sich in Momenten der Eifersucht darüber klar zu werden, woraus sie bei jedem einzelnen besteht. Und wie viele Zutaten die eigene Eifersucht hat. Denn sie kann tatsächlich eine gewisse geschmackliche Note in unseren Beziehungstopf bringen. Über Themen wie Neid und Projektion mit dem Partner zu sprechen kann sehr entlastend wirken und Paare davor bewahren, sich gegenseitig in tiefe Abgründe zu stürzen. Am Ende steht die Frage „Was bin ich ohne dich?“ und diese Frage darf gestellt werden, ohne die gesamte Beziehung infrage zu stellen.

Eifersucht ist ein Phänomen. Aber sie ist nicht nur das, wonach sie aussieht. Wer sie kennt, kann sie dosieren und damit dem gemeinsamen Beziehungssüppchen eine gewisse Note verleihen. Eifersucht muss nicht alles verderben. Viele Paare finden Wege, Emotionen umzudeuten. Dem anderen gute Erlebnisse schrittweise mehr und mehr zu gönnen. Den eigenen Selbstwert vom anderen immer häufiger zu entkoppeln und gut auf sich selbst aufzupassen. So entstehen Wachstum und Reife, die besten Mittel, in einer Beziehung dauerhaft satt und zufrieden zu werden.

Stephanie Katerle

 

Stephanie Katerle | 12. Dezember 2014
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