Erstens Hoch 2

“Du hast ja wohl ´ne Macke”

von großen und kleinen Spleens

Macken und Marotten: Wie wir mit den absonderlichen Eigenarten anderer Menschen souverän(er) umgehen

 

Salvador Dali orderte einst in sein Hotelzimmer eine Gruppe kleiner Schafe.

Grund: Er hatte Lust, mit seinem Revolver auf Lämmer zu schießen. Das ist schon keine Starallüre mehr, sondern eine gefährliche Macke, heutzutage wäre diese Aktion natürlich ein Fall für den Staatsanwalt.

Dass  der Sänger Prince noch vor wenigen Jahren sein gesamtes Hotelzimmer schwarz gestrichen haben wollte, sogar schwarze Kerzen und  eine schwarze M&M-Maschine forderte, lässt man schon eher als Marotte durchgehen.

Was aber, wenn die Kollegin von gegenüber pausenlos bei der Arbeit mit den Knöcheln knackt, der Partner dauernd und notorisch zu spät zu Verabredungen erscheint oder die Schwester wegen ihres Putzfimmels zu keiner Familienfeier mehr erscheinen kann? Sind das dann Macken, Marotten, Tics oder krankhafte und schlechte Angewohnheiten?

Und überhaupt: Wie reagieren wir am besten auf solche seltsamen Marotten unserer Mitmenschen?

Macke, Spleen oder ernstes Problem?

Zunächst einmal macht es Sinn, die einzelnen Phänomene voneinander zu trennen. Die eingangs beschriebenen Star-Allüren sind exzentrische Auswüchse, die sich nur gut betuchte Stars leisten können. Sie definieren ihre Künstlerpersönlichkeit, tragen zur Legendenbildung bei und werden vom Personal der betreffenden Agenturen und Hotels mit Gelassenheit ertragen. Schließlich zahlen die Promis eine Menge Geld dafür, sich ihre eigenartigen Wünsche erfüllen zu lassen. Insofern sind sie nicht nur verrückt, sondern auch einträglich und werden somit auch positiv bewertet..

 

Als Macke zählen solche Dinge wie die knöchelknackende Kollegin, der Mitarbeiter, der jeden Morgen seine Bleistifte der Größe nach sortiert, die Cousine, die beim Telefonieren immer Möhren knabbern muss oder der Opa, der grundsätzlich eine halbe Stunde zu früh zum Aufbruch ruft und die ganze Familie verrückt macht. Der Partner, der sich immer räuspert, wenn er fernsieht oder die Ehefrau, die ihre Haarbürste immer neben die Zahnbürsten steckt, machen sich mit ihren Marotten gegenseitig verrückt. Und es gibt auch Paare und ganze Familien, die gemeinschaftliche Marotten entwickeln und sie regelrecht kultivieren. Herr und Frau X essen ihr Butterbrot immer mit Gouda und Rhabarabermarmelade und lassen alle Gastgeber verzweifeln, die das nicht vorrätig haben. Und Familie Z kommt grundsätzlich und immer zu spät zu allen Treffen.

Die Marotten an sich sind für die Betroffenen erst einmal kein Problem. Diese bemerken diese in der Regel überhaupt nicht, denn sie laufen größtenteils unbewusst ab. Gleichwohl können sie  aber durch die Auswirkungen auf die Umwelt durchaus zu ernsthaften Beeinträchtigungen für alle Beteiligten führen.

Eigentlich sind Knöchelknacken und gelegentliches, situatives Räuspern harmlose Macken. Hier kommt es auf die Belastbarkeit und Reaktionen der Mitmenschen an. Dazu später mehr.

 Tics hingegen sind unbewusst ständig wiederholte Verhaltensweisen, derer der Betroffene irgendwann durch Hinweise anderer gewahr wird. Hierzu zählen beispielsweise das Zucken der Augenmuskeln, Grimassieren oder andere muskuläre Aktionen. Er oder sie kann aber nichts dagegen tun oder sie steuern. Hier ist bei Erwachsenen ein Besuch beim Arzt hilfreich, der unter Umständen eine Überweisung zum Neurologen ausstellt. Aber Vorsicht: Nicht jede Marotte ist ein Tic. Hier gilt es genau zu unterscheiden, ob der Tic den Betroffenen stört oder vielmehr dessen Partner oder Angehörige.

Spleens folgen bestimmten Neigungen. Exzentrische Kleidung, ein Sammeltick oder die Verehrung eines längst verstorbenen Stars mit Fan-Kult sind bewusste Aktionen und leben eine bestimmte Leidenschaft aus. Ein Spleen ist nicht unbewusst, sondern setzt seine Akzente gezielt und gesteuert. 

 

Wann aber wird eine Marotte zum ernsthaften Problem? Das ist sehr subjektiv, hat man doch oft das Gefühl, an der Knöchelknackerei der Kollegin schier verrückt zu werden oder die Fernsehgewohnheiten des Partners keinen Tag länger ertragen zu können.

Wirklich krankhaft sind Macken dann, wenn sie den Betroffenen daran hindern, sein soziales und berufliches Leben in Ruhe zu führen. Wer jeden Tag vier Stunden mit Putzen verbringt, der hat wahrscheinlich wenig Zeit für eine geregelte Berufstätigkeit oder das Spiel mit den Kindern. Wer seine Handlungen nicht unterbrechen kann, selbst, wenn andere, wichtigere Dinge zu tun wären, der handelt suchtartig. In diesem Falle spricht man von Zwangshandlungen. Dauerndes Waschen, Putzen, Desinfizieren hält vom Leben ab. Kettenrauchen ist keine Marotte, sondern eine Sucht. Der/die Betroffene lebt schlimmstenfalls in einer Glocke, seiner eigenen Welt. Wer nur auf bestimmte Pflastersteine treten kann oder aus Angst vor Keimen das Haus nicht mehr verlässt, hat buchstäblich den Kopf nicht mehr für anders frei. Hier empfiehlt sich eine verhaltenstherapeutische Behandlung.

 

Wozu sind Marotten eigentlich gut?

 Wir passen uns ständig unserer Umwelt an. Wir adaptieren uns an verschiedene soziale Systeme und Konventionen. Von der Liebesbeziehung bis hin zum Job wechseln wir täglich mehrmals das Gesicht, das wir den anderen zeigen. In unserer Identität haben viele Funktionen Platz. Manchmal bleibt da die Frage, was eigentlich noch originär zu uns gehört. Und hier suchen sich manchmal die Marotten ihren Platz. Wer das Gefühl hat, der Welt ganz und gar zu gehören, rebelliert mit seinen verschrobenen Macken gegen die Stromlinienform der Gesellschaft. Je mehr gefühlte Erwartung von außen, desto lieber werden Macken kultiviert. Da sind wir wieder bei den Stars. Macken sind etwas sehr Individuelles, Persönliches. Wir bewahren sie um uns selbst zu bewahren und deshalb halten sie auch so hartnäckig allen Entfernungs- und Abgweöhnversuchen unserer Lieben stand.

 

Entscheidend: Wie reagieren wir auf Macken?

Warum regen uns machen Macken so über die Maßen auf, während wir auf andere gelassen reagieren können? Grundsätzlich gilt: Je näher die Person, desto mehr nervt die Macke. Prince´s schwarze Kerzen lassen uns kalt, die Knöchel der Kollegin treiben uns auf die Palme. Denn Prince ist weit weg. Unser Urteil über ihn ficht ihn nicht an. Was aber die Kollegin über uns denkt und wir über sie, das ist durchaus nicht egal. Und wir ärgern uns auch darüber, dass wir uns nicht trauen, ihr Bescheid darüber zu geben, was ihre Macke mit uns macht, nämlich uns aufzuregen.

Was kann so schwierig daran sein, zu sagen: „Du, hör mal. Ich weiß nicht, ob es dir schon einmal aufgefallen ist, aber du knackst oft mit deinen Knöcheln. Das lenkt mich manchmal ganz schön ab. Könntest du darauf ein bisschen achten?“

Der Ärger darüber, dass wir uns nicht bemerkbar machen können, ist oft größer als der Ärger über die Macke. Da kommen unter Umständen uralte Kindheitsmuster von „Keiner achtet auf mich“ wieder durch. Je stärker, desto schlimmer nervt die Macke.

 

Was tun?

Beim Partner unterstellen wir gar manchmal, er pflege die Macke absichtlich, nur um uns zu ärgern. Hier wirkt die Macke in der Paarkommunikation schädlich und störend. Das unabsichtliche Räuspern erhält die Dimension eines aggressiven Aktes gegen den Partner oder die Partnerin. Eine ruhige Reaktion mit der Bitte um Änderung wie im Beispiel des Knöchelknackens scheint undenkbar. Man möchte den anderen nicht verletzen, spürt aber dennoch die Wut in sich aufsteigen. Das Räuspern oder die Verspätung bekommen durch die persönliche Bewertung eine andere, verschärfte Bedeutung.

Gerade in Paarkonstellationen gilt es für Partner oft, die eigene Identität zu wahren. Je enger und symbiotischer die Beziehung, desto störender wirkt die Marotte. „Wie kannst du nur immer pfeifen, wenn wir Auto fahren? Merkst du denn nicht, wie ich darunter leide?“ So entstehen mitunter unterschwellige Dynamiken, die mitunter zu Aggressivität und Resignation führen.

Die vierschrittige Methode der Gewaltfreien Kommunikation kann hier Erleichterung bringen.

1. Wahrnehmung „Ich höre dich mit den Knöcheln knacken“

2. Gefühl „Das macht mich nervös. Ich rege mich auf.“

3. Bedürfnis „Ich möchte mich nämlich auf meinen Zeitungsartikel konzentrieren.“

4. Veränderungsbitte „Könntest du ein bisschen darauf achten?“

Implizit ist hier immer die Möglichkeit, dass der Partner die Bitte abschlägt und sagt „Dann lies doch woanders.“ Immerhin ist aber die Tür geöffnet, über das zu sprechen, was zwischen den Partnern steht.

 

Fazit:

Macken grenzen unsere Identität ab. Sie laufen unbewusst und sind im Prinzip so lange unbedenklich, wie sich andere nicht allzu sehr gestört fühlen. Die anderen haben die Aufgabe zu prüfen, warum ausgerechnet diese spezielle Macke sie so besonders aufregt und müssen dann initiativ werden, weil der Mensch mit der Marotte diese nicht ohne Weiteres aufgeben wird. Er bemerkt sie in den meisten Fällen nämlich nicht oder findet sein Verhalten höchst normal. Der Austausch über Marotten macht den Weg zu einer offeneren Kommunikation frei. 

 

Hören Sie hierzu am 23.5.2015 die WDR 4 Sendung:“Du hast ja wohl ´ne Macke!”

 

Stephanie Katerle | 18. Mai 2015
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