Erstens Hoch 2

Das Wildschwein und die Prinzessin auf der Erbse: Wie sich Frauen ins vorletzte Jahrhundert zurückbeamen

„Men, men, men, men, many men men…“ Selten so gelacht wie bei den „Two and a half men“ manchmal. Auf lässig anarchische Art kommen die beiden Typen so flockig angeschlichen, dass man nichts Böses ahnt.In Wirklichkeit wird hier wieder das Uralt-Klischee befüttert, dass der intellektuelle, aber liebe Loser Alan gegen das Super-Wildschwein (Charly) nicht den Hauch einer Schnitte hat, weil Frauen insgeheim den Silberrücken mit gigantischer Potenz und Fuselfahne dem gebildeten Arzt mit City-Hemd vorziehen und nichts lieber tun als sich von ihm kaufen und flachlegen lassen.

Natürlich ist ein selbstironischer Unterton dabei, wenn sich die beiden Gestalten im Bademantel Gemeinheiten an den Kopf werfen. Doch das Thema und die Stereotype sind von anno tuck und nicht einmal halb so unverfroren wie die schwulen Pärchen oder promisken WGs in anderen amerikanischen Serien. Dennoch ziehen sie beneidenswert viel Aufmerksamkeit auf sich. Mario Barth füllt mit gleichem Programm und Inhalt seit Jahren die größten Hallen und selbst in den Regalen mit Sachbüchern finden sich die Mario Barths und Charlys unter den Bestsellern der Wissenschaftsautoren, die noch wesentlich intelligenter die Überzeugung verbreiten, alles sei im Geschlechterverhältnis gerade so, wie es passt und müsse, könne, dürfe sich auch nicht ändern. Die beiden Hauptdarsteller Alan und Charly sind Fleisch gewordene Belege für die aktuelle wissenschaftliche Tendenz einiger Soziobiologen, die Geschlechterunterschiede mit stammesgeschichtlichen Belegen zu unterfüttern. Die Theorie, dass Männer und Frauen nur ihrem biologischen Erbe folgen, gar nicht anders können und deswegen sämtliche Bemühungen um Gleichberechtigung zum Scheitern verurteilt sind, manifestieren sich in Charlys rülpsenden, furzenden und reihenweise Frauen flach legenden Alter Ego. Grunz, grunz.

Die Frauen hingegen sind entweder Prostituierte, die Charly sich von seinem üppigen Honorar als Musiker prima leisten kann, oder verkopfte Nervensägen, die Alan mit nach Hause bringt um sich in ihren hautfarbenen BH-Trägern hilflos zu vernesteln. Charly, das Alpha-Männchen, Alan, der unterlegene Zweite, der sich auch mal vordrängeln darf, wenn es um die Verbreitung seines Erbgutes geht. Wie verhalten sich Frauen bloß, wenn Sie mit solchen Typen konfrontiert werden? Wie unterscheidet die Amerikanerin das Wildschwein vom langweiligen Trottel? Kurz: Wie zähmt die auf effiziente Verwaltung ihrer Eizellen und Erhaltung ihrer makellosen Hülle bedachte Prinzessin auf der Erbse den Ansturm der brünftigen Wildschweine? Mit sinnvoller Vorauslese nach bewährten Prüfparametern:

Augen auf beim ersten Date, liebe marktreife Frauen! Es ist eine Wissenschaft für sich, das Date. Regel Nummer eins: Man „datet“ heute jemanden. Insbesondere daten Männer Frauen, jedenfalls in Amerika. Daten ist durch diese Akkusativ-Wendung zur Tätigkeit geworden, die man mit jemandem tut, der dabei passiv ist, ähnlich wie bei „Man frisiert jemanden“ oder „Man jagt etwas“. Das sagt schon eine ganze Menge darüber aus, welchen Stellenwert und welche Funktion solche Treffen besonders für die beteiligten Frauen haben. In Amerika haben Dates inzwischen eine ganze andere Dramaturgie als bei uns die Rendez-vous oder auf deutsch ganz unromantisch „Treffen“ genannt (Auf Deutsch sagt man immer noch : „Man trifft sich.“ Ohne wortklauberisch sein zu wollen, spricht aus dieser Bezeichnung zumindest eine gewisse Gegenseitigkeit).

Daten gilt in Amerika als Abchecken des Marktwertes, der Passung, des Potentials für die weiter folgenden, konventionell fest vereinbarten Schritte. Insofern ist das Daten der konsumorientierten Gesellschaft bereits perfekt angepasst. Regel Nummer zwei: Man sucht aus dem Angebot aus, prüft und lässt zu beanstandende Ware zurückgehen. Es gibt feste Dating-Regeln mit eingebauten Kontaktintervallen und einer impliziten Checklistensystematik. Ein gescheitertes Date ist kein begrübelnswerter Beinbruch, sondern ein abzuhakender Fehlversuch.

„Die Regeln des Dating in New York sind so einfach wie brutal. Wir haben sie uns von drei sehr ernsthaften asiatischen Mädchen erklären lassen: Wenn nicht gleich zu Anfang geküsst wird, dann stimmt etwas nicht. Nach dem dritten Date müssen der Mann und die Frau miteinander ins Bett gehen. Sonst ist es aus. Man datet immer mehrere Menschen, andernfalls wäre man ein Versager. Nach ein paar Monaten wird offiziell vereinbart, dass man einander nunmehr exklusiv zur Verfügung steht. Aber auch dann gilt man noch nicht als Paar. Wohlgemerkt, die drei asiatischen Frauen, die uns all dies erklärten, waren keine Teenager, sondern ausgewachsene Anwältinnen.“

Eine wirklich gruselige Begleiterscheinung dieser Dating-Kultur im Wal-Mart-Style sind die von den Autorinen Ellen Fein und Sherrie Schneider verfassten „Regeln“. [2] The rules: Hier werden Dates bis auf drei Stellen hinterm Komma durchreguliert. Wichtig ist dabei, dass die Frauen sich daran halten um für den Mann ihren Marktwert zu erhöhen. Ihnen wird untersagt, bei Interesse selbst das Telefon in die Hand zu nehmen, sie haben den Bewerber umgehend und ohne weitere Vorwarnung zu verlassen, wenn er keine adäquaten Valentinstagsgeschenke macht und sie sollen insgesamt „dem Mann die Führung überlassen“.

Bei Strafe ist es verboten den ersten Schritt zu machen, vor der vorgeschriebenen Frist zu küssen oder sich an die Wäsche gehen zu lassen. Weibliche Lust ist nicht vorgesehen, den Frauen fällt das Abweisen und Fernhalten zu, das Kriegen und Warten. Frau kontrolliert die Lust des Wildschweins. Frauen werden hier erst gedatet, dann beschenkt, dann geheiratet, geschwängert, dann in jedem zweiten Fall verlassen und das Spiel geht wieder von vorne los. Die amerikanischen Frauen reißen den Verlagen das „Rules“- Buch unglaublicher Weise aus der Hand und frohlocken, nun hätten sie Waffen gegen die ewig wollüstigen Männer und ihre schurkischen Absichten in den Händen. Sie fühlten sich jetzt „mehr wert“ und sicherer. Dass sie in einen Käfig aus sinnlosen Verboten und dummen Konventionen gesteckt werden, dass sie sich selbst zum Erbgut-Auffanginstrument machen, erkennen wenige.

Und die Männer? Was sollen sie bloß tun, wenn die Frauen sich freiwillig entschließen, sich zu verhalten wie vor 200 Jahren? Sie haben, wenn sie eine Beziehung eingehen wollen, diese jämmerliche Rolle zu spielen. Welche Wahl haben sie denn, wenn die Frauen dieses Spiel bevorzugen? Sie werden auf die Funktion des Versorgers und Beschützers reduziert, der dicke Geschenke heranschleppt und jede Initiative selbst in die Hand nehmen muss. Wenn er dabei Fehler macht, riskiert er, eine Frau, die er unter Umständen wirklich sehr mag, zu verlieren, weil er ihr nicht von rechts, sondern von links in den Mantel geholfen hat oder sein Budget nur für einen Topf Usambaraveilchen statt eines Straußes Baccara-Rosen gereicht hat. Als Mann würde ich in solcher Kultur auch zum Wildschwein.

Gut, dass es andere Länder und andere Sitten gibt. Dazu brauchen wir den Feminismus. Um immer weiter selbst entscheiden zu dürfen. Um Männern und Frauen die Wahl zu geben, ob sie heute ein Wildschwein, morgen eine Prinzessin, übermorgen eine Wildsau oder am Freitag ein Prinz sein zu wollen.

(Stephanie Katerle, Paderborn, 10.7.2013)

Nach dem Dritten Date muss man im Bett landen – Ellen Fein, Sherrie Schneider „Die Kunst, den Mann für´s Leben zu finden“ – the rules. Verlag: Piper; (November 2006)

Stephanie Katerle | 10. Juli 2013
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